Was wirtschaftliche Unsicherheit mit Führung macht
Wirtschaftliche Unsicherheit ist kein neues Phänomen. Märkte haben sich schon immer verändert, Zyklen kamen und gingen, Krisen folgten auf Wachstumsphasen. Und doch fühlt sich Unsicherheit heute für viele Entscheider anders an. Dauerhafter. Gleichzeitiger. Weniger klar einzuordnen.
Inflation, geopolitische Spannungen, Fachkräftemangel, technologische Umbrüche, regulatorische Eingriffe, volatile Märkte – all das wirkt parallel. Nicht sequenziell, sondern gleichzeitig. Für Entscheider bedeutet das: Es gibt keinen klaren Ruhepunkt mehr, an dem man sagen kann, „jetzt ist es wieder stabil“.
Diese permanente Unsicherheit hat Auswirkungen. Nicht nur auf Zahlen, Investitionen oder Strategien – sondern vor allem auf Führung.
Unsicherheit verändert Verhalten, nicht nur Entscheidungen
In meiner Arbeit als Unternehmer, CFO und CEO habe ich immer wieder beobachtet: Wirtschaftliche Unsicherheit wirkt zuerst nicht auf die Organisation, sondern auf den Entscheider selbst. Auf sein Denken. Auf seine Haltung. Auf seine Art zu führen.
Manche reagieren mit Aktivismus.
Andere mit Vorsicht.
Wieder andere mit Rückzug.
Alle drei Reaktionen sind menschlich. Keine davon ist per se falsch. Problematisch wird es dort, wo diese Reaktionen unbewusst bleiben. Denn dann beginnt Unsicherheit, Führung zu steuern – statt umgekehrt.
Aktivismus erzeugt Bewegung, aber oft keine Richtung.
Übervorsicht erzeugt Sicherheit, aber auch Stillstand.
Rückzug schafft Ruhe, aber auch Orientierungslosigkeit.
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten entscheidet sich Führung weniger an großen strategischen Würfen, sondern an der Fähigkeit, diese eigenen Reaktionsmuster zu erkennen und bewusst zu steuern.
Warum Unsicherheit Führung sichtbar macht
In stabilen Phasen lassen sich Unklarheiten gut überdecken. Wachstum kaschiert Führungsdefizite. Gute Zahlen beruhigen. Konflikte wirken weniger dringlich. Organisationen tragen sich teilweise selbst.
Unsicherheit nimmt diesen Puffer.
Plötzlich wird sichtbar:
- wie klar Entscheidungen getroffen werden
- wie transparent kommuniziert wird
- wie belastbar Führungsteams wirklich sind
- wie gut Verantwortung verteilt ist
Unsicherheit wirkt wie ein Verstärker. Sie verschärft das, was ohnehin da ist. Gute Führung wird ruhiger, klarer, präsenter. Unsichere Führung wird hektischer, unklarer, defensiver.
Das ist unangenehm – aber ehrlich.
Die größte Gefahr: Reaktion statt Führung
Viele Entscheider glauben, sie müssten in unsicheren Zeiten schneller reagieren. Tatsächlich müssen sie klarer führen.
Reaktion bedeutet, auf äußere Impulse zu antworten. Führung bedeutet, einen inneren Referenzpunkt zu haben, von dem aus gehandelt wird.
Wer diesen Referenzpunkt verliert, lässt sich treiben:
von Märkten, von Medien, von Erwartungen, von Einzelereignissen.
Ich erlebe häufig, dass Entscheider in unsicheren Zeiten versuchen, Sicherheit durch mehr Informationen herzustellen. Mehr Reports. Mehr Szenarien. Mehr Abstimmungen. Das schafft Wissen – aber nicht automatisch Klarheit.
Klarheit entsteht nicht durch Informationsmenge.
Sie entsteht durch Einordnung.
Führung braucht einen inneren Anker
Wirtschaftliche Unsicherheit verlangt von Entscheidern etwas sehr Konkretes: einen stabilen inneren Anker. Eine klare Haltung zu Fragen wie:
- Was ist in diesem Unternehmen wirklich verhandelbar – und was nicht?
- Welche Werte tragen auch unter Druck?
- Welche Entscheidungen treffe ich bewusst langfristig, auch wenn sie kurzfristig unbequem sind?
- Wo halte ich Kurs, wo korrigiere ich?
Diese Fragen lassen sich nicht aus dem Markt ableiten. Sie lassen sich nur aus der eigenen Verantwortung heraus beantworten.
Hier zeigt sich, warum newnique nicht beim Unternehmen ansetzt, sondern beim Entscheider. In unsicheren Zeiten wird Führung nicht durch Tools stabil, sondern durch innere Ordnung.
Kommunikation wird zur Führungsaufgabe Nummer eins
In wirtschaftlich unsicheren Phasen wird Kommunikation häufig unterschätzt – oder überschätzt.
Unterschätzt, weil man glaubt, „die Leute verstehen schon, dass es schwierig ist“.
Überschätzt, weil man versucht, Unsicherheit durch Erklärungen wegzuredenen.
Beides funktioniert nicht.
Gute Kommunikation in unsicheren Zeiten bedeutet nicht, Sicherheit zu versprechen. Sie bedeutet, ehrlich Orientierung zu geben. Klar zu benennen, was bekannt ist – und was nicht. Zu sagen, welche Entscheidungen getroffen sind – und welche noch ausstehen.
Mitarbeitende spüren Unsicherheit ohnehin. Die Frage ist nicht, ob sie da ist, sondern wie mit ihr umgegangen wird.
Führung, die Unsicherheit klar kommuniziert, erzeugt Vertrauen. Führung, die Unsicherheit beschönigt oder vermeidet, erzeugt Unruhe.
Zahlen helfen – wenn sie richtig genutzt werden
Als CFO habe ich gelernt: Zahlen sind keine Bedrohung. Sie sind ein Instrument zur Klarheit. Aber nur, wenn sie richtig eingesetzt werden.
In unsicheren Zeiten neigen Unternehmen dazu, Kennzahlen zu verdichten oder zu verkomplizieren. Mehr KPIs, mehr Berichte, mehr Controlling. Das kann helfen – oder lähmen.
Entscheidend ist nicht die Menge der Zahlen, sondern ihre Relevanz.
Gute finanzielle Steuerung in unsicheren Zeiten beantwortet drei Fragen:
- Wo stehen wir wirklich?
- Wie lange reicht unsere Handlungsfähigkeit?
- Welche Entscheidungen haben den größten Hebel?
Zahlen sollen Orientierung geben, nicht Angst erzeugen. Auch hier gilt: Klarheit schlägt Detailtiefe.
Persönliche Erfahrung: Ruhe ist kein Zufall
Ich habe wirtschaftlich unsichere Phasen selbst bei erlebt – mit Verantwortung für Menschen, Ergebnisse und Zukunft. Und ich habe gelernt: Ruhe ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist das Ergebnis von Klarheit.
Wenn ich weiß, welche Entscheidung ich verantworten kann, werde ich ruhiger.
Wenn ich weiß, welche Priorität gilt, werde ich fokussierter.
Wenn ich weiß, wofür ich stehe, werde ich stabiler.
Diese Ruhe wirkt. Auf Führungsteams. Auf Organisationen. Auf Entscheidungen.
Unsicherheit verschwindet dadurch nicht. Aber sie verliert ihre Macht.



